„Tango ist Freiheit, ist Feuer“

Einmal im Monat tanzen pflegende Angehörige, Nachbarn und Freunde den „Tango Argentino“

"Lagrimas de sangre" klingt es aus den Boxen der Musikanlage. Zum Auftakt der zwei Tanzstunden hat sich Monica Kamin für einige Kompositionen von Alfredo De Angelis entschieden. "In den 40er-Jahren gründete De Angelis sein eigenes Orchester, das gehörte zu den besten Tango-Formationen von Buenos Aires", erzählt die kleine Frau im engen schwarzen Kleid mit hörbarem Akzent.

Sie schraubt sich auf ihren Stöckelschuhen in die Höhe, strafft den Rücken, wirft ihre lockige Mähne über die Schulter. "Das ist meine Heimat", sagt sie und meint damit nicht nur die Stadt in Argentinien, sondern auch den Tanz, der für die Leidenschaft der Menschen in Südamerika steht. "Wenn ich Tango tanze, fühle ich mich frei." Kamins Augen blitzen. Aufmunternd lächelt sie ihrem überwiegend weiblichen Publikum zu, bevor Tanzpartner Arno Kamlowsky ihre Hand ergreift, sie sanft umfasst und schwungvoll den ersten Schritt aufs Parkett setzt. Dass das Lied von Tränen, Leid und Schmerz handelt, wie so oft beim "Tango Argentino", verschweigt Kamin.

Wer am letzten Freitag eines jeden Monats im GESOBAU-Gebäude am Senftenberger Ring 12 mit dem Aufzug bis in den 14. Stock fährt, soll allen Ballast des Alltags abwerfen, wünscht sich Kamin. Das erhofft sich auch die Kontaktstelle Pflegeengagement des Unionhilfswerks von den Tango-Stunden über den Dächern des Märkischen Viertels.

Die Kontaktstelle hat sich der Aufgabe verschrieben, Pflegebedürftige und betreuende Angehörige zu entlasten. Mittels Besuchsdiensten, Freizeitangeboten und Gesprächsgruppen für pflegende Angehörige, Infos über Nachbarschaftsinitiativen und Hilfsangeboten. Laut Berliner Gesundheitssenat betreuen derzeit etwa 170.000 Frauen und Männer den dementen Vater, die an den Rollstuhl gefesselte Mutter, die siechen Großeltern, den krebskranken Partner, den chronisch kranken Bruder. Mehr als 100.000 Pflegebedürftige werden aktuell zu Hause versorgt. "Unter der Dauerbelastung leiden bei Pflegenden nicht selten der Job, die sozialen Kontakte, die Freundschaften", weiß Christine Gregor, Koordinatorin in der Reinickendorfer Kontaktstelle Pflegeengagement.

Probleme, die auch Monica Kamin kennt. Die Argentinierin, die vor 30 Jahren der Liebe wegen nach Berlin kam, unterstützt seit Jahren als ehrenamtliche Helferin Projekte des Unionhilfswerks. Und weil sie selber leidenschaftlich gern Tango tanzt und dabei alle Sorgen vergessen kann, regte sie an, pflegenden Angehörigen als Ausgleich zum oft strapaziösen Alltag auf spielerische Weise einige Tango-Schritte beizubringen.

„Wir organisierten einen Workshop“, erzählt Kamin. Angelegt eigentlich als einmaliges Angebot. Die Resonanz war riesig. „Die Teilnehmer wünschten sich ein festes Angebot“, erinnert sich auch Christine Gregor. Die Kontaktstelle Pflegeengagement in Reinickendorf reagierte prompt und engagierte Arno und Monica für einen monatlichen Kurs, der sich an pflegende Angehörige, Nachbarn und Freunde richtet.

 "Ich bin keine ausgebildete Tango-Lehrerin, aber ich habe den Rhythmus im Blut", betont Kamin. Eine Leidenschaft, die nicht von ungefähr kommt: Ihre Tante aus Buenos Aires sei in den 40er- und 50er-Jahren mit jedem prominenten Musiker der Tango-Szene bekannt gewesen. "Mit diesem Tanz bin ich aufgewachsen." Anders als ihr Lebensgefährte, der erst vor gut 15 Jahren auf den Geschmack kam. Wiederum in Buenos Aires. Kamlowsky hatte Geburtstag, Kamin schenkte ihm einen Besuch in einer der angesagten Tango-Clubs ihrer Heimatstadt. "Die Musik hat mich sofort gepackt", erinnert sich Kamlowsky. Sein Dilemma: Er konnte nicht tanzen. Als er auf die Tanzfläche gebeten wurde, sei er grandios gescheitert. "Das hat mich gewurmt." Mittlerweile kann der 52-Jährige etliche Tango-Figuren aus dem Stehgreif abrufen. "Ich beherrsche aber längst nicht das gesamte Repertoire, lerne immer noch hinzu", nimmt er den Kursteilnehmern die Scheu. Mit den Drehungen, der Haltung, den Schrittfolgen, die man vielleicht in jungen Jahren im Tanzunterricht geübt habe, sei der "Tango argentino" sowieso nicht zu vergleichen, beruhigt er manchen Verzagten. "Hier fängt jeder bei null an." Das einzige, auf das er Wert legt, sind passende Schuhe - "bei Frauen gern Stöckelschuhe", bemerkt er mit einem charmanten Lächeln.

Monika Gräfe sieht das eher gelassen. Die 74-Jährige bevorzugt flache Pumps. "Wegen meiner Größe", sagt sie. Auch Gräfe engagiert sich ehrenamtlich fürs Unionhilfswerk. In einem Behindertenwohnheim hat sie Kontakt zu Autisten gesucht, nimmt sich Zeit für Demenzkranke in einer Neuköllner Wohngemeinschaft. Ihr Ausgleich heißt Bewegung. "Ich gehe regelmäßig zum Steppen, bin in einer Sportgruppe und einmal monatlich wage ich mich hier an den Tango." Gräfe lebt in Treptow-Köpenick. Kein Katzensprung bis ins Märkische Viertel. "Aber der Weg ist es mir wert." Einen Tanzpartner hat Gräfe nicht. "Das ist kein Problem. Einige Frauen hier haben auch die Männerschritte drauf, dann wird unkompliziert kombiniert."

Beim "Tango argentino" gehe es lockerer zu, bestätigt auch Kamlowsky. Mal greife man den Partner enger, mal lasse man ihm mehr Raum. Ob nun Mann und Frau oder zwei Frauen das Lebensgefühl in Takt und Schrittfolge ausdrückten, sei nicht elementar. Nach dem Aufwärmen, dem Übungslaufen und der Anschauungsrunde hat sich Kamlowsky Beate Rankewitz gegriffen. Die 50-Jährige plagt sich an einer Schritt-Drehungskombination. Kamlowsky bleibt gelassen, plaudert, macht ein Kompliment und wirbelt die Lichtenbergerin durch den Raum. Die lacht befreit auf. "Tangotanzen ist Spaß an der Freude", wirft sie nur kurz ein.

Monika Gräfe ist derweil auf die Terrasse des 14. Stocks getreten, richtet den Blick auf die Dächer und Fassaden des Märkischen Viertels, lauscht den Tönen aus dem Raum in ihrem Rücken. Rodolfo Biagi hat De Angelis abgelöst. Die CDs von Osvaldo Pugliese, Carlos Di Sarli und Enrique Santos warten noch auf ihren Einsatz. Wer nicht tanzen, sondern nur zuhören will, kann das tun. Kein Zwang, sich der Gruppe anzupassen. Kein Zwang auch, sich auszutauschen. "Dafür eignen sich eher die von der Kontaktstelle organisierten Gesprächsgruppen, hier geht es ums Entspannen, ums Abschalten", sagt Gräfe. Längst hat sich Monica Kamin wieder Tanzpartner Arno gegriffen, lässt lasziv ihren nackten Unterschenkel an seinem behosten Bein hinab gleiten. "Tango ist Freiheit, ist Feuer." Zumindest für 120 Minuten zählt nur das Jetzt.

Haben Sie Interesse, den "Tango Argentino" zu lernen?

Treff: Senftenberger Ring 12, 14. Stock.
Jeden letzten Freitag im Monat, 16 bis 18 Uhr.
Die Teilnahme ist kostenlos.
Um Anmeldung wird gebeten unter Telefon 030/41745752 oder per E-Mail an pflegeengagement@unionhilfswerk.de