3,2 km² LEBEN

Im Jubiläumsjahr wird das gesamte Märkische Viertel zur Ausstellung – Architektur, Stadtraum und Landschaft vermitteln die Geschichte, Gegenwart und Zukunft der ersten Großwohnsiedlung West-Berlins. Sechs Leitthemen – ABENTEUER, ARBEIT, KULTUREN, LANDSCHAFT, MODERNE und ZUHAUSE – stehen exemplarisch für das Märkische Viertel, aber auch für die Stadt als Ganzes.

Thematische Routen führen zu vertrauten und unbekannten Orten und erzählen vom Alltag und Zuhause ihrer Bewohnerinnen und Bewohner, von den Planern, politischen Entscheidungen, der Entwicklung seit 1964 und der Wahrnehmung des Viertels von innen und außen. Rund 100 Plakat-Paare werfen unterwegs Schlaglichter oder machen auf Gebäude aufmerksam.

Willkommen!

Willkommen im Märkischen Viertel! Liebe Märker! Eine Ausstellung zum 50. Jubiläum des Märkischen Viertels zu machen, ist keine leichte Aufgabe – es gibt so viel Geschichte, so viel Heute, so viele mögliche Erzählebenen. Gleichzeitig ist doch Stadt, Architektur und Lebenswelt am besten direkt zu erleben – und so wurde das gesamte Märkische Viertel zur Ausstellung.

Wir haben bei der Ausstellungsentwicklung sehr viele Geschichten entdeckt, wir haben viele Menschen im Viertel und an anderen Orten gefunden, die unsere Suche unterstützt haben, wir haben viel gelernt über diese Großwohnsiedlung und ihre Bewohnerinnen und Bewohner, und nicht zuletzt waren wir glücklich über Bilder, die wir fanden, und die bisher noch nicht gezeigt wurden.

Im Laufe der Arbeit wurde klar: Nur der Mut zur Lücke macht das Ganze handhabbar. Dass es sich hier um ein Stadtumbau West-Gebiet handelt, ist sicher eine eigene Ausstellung wert, auch über die Baukosten seinerzeit und heute hätte man viel schreiben können, es gibt unendlich viel Planmaterial, das für viele interessant ist – doch alles auf einmal geht nicht. In einem Symposium zur MODERNE im November 2014 wollen wir deshalb weiterforschen und mit Fachwelt und Politik diskutieren.

So haben wir einen Zwischenstand, ein subjektives Bild des Märkischen Viertels von der Entstehungszeit bis heute entwickelt, wie es uns selbst interessiert. Und wir hoffen, dass es einen neuen Eindruck von dieser Siedlung, die bei ihrem Bau „ein Hoffnungsschimmer für die Städtebauer in halb Europa“ war und heute eigentlich wunderbar „normal“ ist, vermittelt.

Eine Publikation mit vielen bisher unveröffentlichten Texten, Fotografien und Interviews zu 3,2 qkm LEBEN wird dieses Bild dokumentieren.


Sally Below
Kuratorin der Ausstellung

Abenteuer

Es ist ein ABENTEUER, in nur wenigen Jahren eine neue Stadt zu bauen, größer als beispielsweise Tübingen zur damaligen Bauzeit. Die Planenden erlebten das genauso wie die ersten Bewohnerinnen und Bewohner – und die vielen Kinder. Nicht umsonst entstand im Märkischen Viertel der erste Abenteuerspielplatz Berlins!

DIE NEUE STADT – EIN ABENTEUER

Auf dem Gebiet des späteren Märkischen Viertels befand sich bis Anfang der 1960er-Jahre das größte Notwohngebiet West-Berlins, in dem mit viel Selbsthilfe,
wenig Geld und beschränkter öffentlicher Infrastruktur eine Siedlerkultur in Lauben und provisorischen Wohnhütten entstanden war. Man bohrte Brunnen, baute Gemüse und Obst an, hielt Ziegen und Kaninchen und hoffte ansonsten, dass man von der Tuberkulose verschont bleiben möge. Die hygienischen Verhältnisse waren alles andere als gut. Aber die Selbsthilfe und das sehr dichte Leben in improvisierten Bauten formten eine Gemeinschaft.

Der Umzug aus der selbstgefertigten Laube in die Neubauten war eine große Veränderung. Mit Flexibilität und Anpassungsfähigkeit kamen hier unterschiedliche Lebensläufe und -welten zusammen und entwickelten sich zu einer sozialen Gemeinschaft weiter – und das in der Größe einer Kleinstadt. Diese Lebensleistung der Pioniergeneration schuf die Grundlage für eine lebendige Nachbarschaft.

Architekten als Abenteurer

Auch für die Architekten wurde die Entstehung des Märkischen Viertels zu einer besonderen Erfahrung. Sie traten mit vielen Vorschusslorbeeren versehen an, um ein vorbildliches neues Wohnquartier zu schaffen. Aber schon zur Halbzeit um 1968 gerieten sie ins Kreuzfeuer der Kritik. Ihr ambitionierter Gestaltungswille traf auf eine unausgereifte Technik der Vorfertigung, auf falsche Berechnungen der Infrastruktur und auf eine Bewohnerschaft, deren Augenmerk zuallererst auf die Bezahlbarkeit und ihr eigenes Einrichten in den Umständen gerichtet blieb.

Aneignung durch die Mieter

Die Aneignung der neuen Wohnungen erkämpften sich die Mieterinnen und Mieter mit viel Engagement. Sie zogen in baufeuchte Häuser, bevor die Außenanlagen begonnen waren, und weder Läden noch ausreichend Schulen die Versorgung sicherten. Nachbarschaft und Heimatgefühl entwickelten sich auch in der Auseinandersetzung mit bürokratischen Vorgaben, im Widerstand gegen technokratische Vorschläge, mangelhafte Ausstattung und in den sich konstituierenden kirchlichen und sozialen Gruppen. Zum 25-jährigen Bestehen des Märkischen Viertels schrieb der Historiker Alexander Wilde: „Bei den meisten Bewohnern des Märkischen Viertels entstand nach Ansicht vieler Beobachter seit Mitte der siebziger Jahre ein wachsendes Heimatgefühl, das weit mehr ist als eine reine Trotzreaktion auf die übertriebene Kritik der Vorjahre oder ein bloßes Sich-Fügen in das Unabänderliche.“

Abenteuer auf dem Spielplatz

Zu den 25.000 erwachsenen Erstbewohnerinnen und -bewohnern kamen 10.000 Kinder, doppelt so viele wie im Durchschnitt der Stadt. Dieser nicht in der Planung berücksichtigte Faktor erhöhte den Druck auf die wenigen Frei- und Spielflächen. Die Kinder und Jugendlichen vergnügten sich – zum Ärger von Behörden und Älteren – auf den Baustellen und den Restflächen zwischen den Häusern.

Mit starker Bewohnerunterstützung richtete das Reinickendorfer Jugendamt im April 1967 den ersten Abenteuerspielplatz Berlins ein. Mancher sah darin eine „Schule des Verbrechens“ und eine „Brutstätte der Aggression“ und ging gerichtlich dagegen vor. Obwohl sich das juristische Tauziehen um den Betrieb des ersten Abenteuerspielplatzes bis 1972 hinzog, wurden im Märkischen Viertel bereits 1970 zwei weitere Abenteuerspielplätze in Betrieb genommen. Sehr schnell machte dieser neue Spielplatztyp auch in Westdeutschland Karriere.

Auf der Strecke ABENTEUER finden Sie folgende Stationen:

Der erste Bauabschnitt

Das Kinderspielhaus auf dem Abenteuerspielplatz

Arbeit

Eine Großwohnsiedlung soll nicht nur für das Wohnen geschaffen sein. Beim Leitthema ARBEIT geht es um Arbeitsplätze und Mobilität, eine der ersten Shopping Malls Deutschlands, Produkte aus dem Märkischen Viertel und um die Vorstellung des Architekten O. M. Ungers, dass sich in den Erdgeschosszonen seiner Bauten „improvisierte Läden“ einnisten.

NICHT NUR WOHNEN

Das Märkische Viertel ist nach den Grundsätzen der Funktionstrennung als Wohngebiet mit den notwendigen „Wohnfolgeeinrichtungen“ wie Kindergärten oder Lebensmittelgeschäften geplant. Um den Charakter einer „Schlafstadt“ zu vermeiden, wies man rundum Industriegebiete für 10.000 Arbeitsplätze aus, die allerdings in diesem Umfang nie entstanden. Gemischte Nutzungen einer traditionellen Stadt mit kleinen Handwerksbetrieben, Läden, Cafés oder Dienstleistern im Erdgeschoss standen zwar auf der Wunschliste der Planer, ließen sich jedoch im Rahmen der gesetzlichen und wirtschaftlichen Vorgaben nicht verwirklichen. Auch ein vorgesehener Handwerkerhof im Zentrumsbereich blieb mangels Nachfrage in der Schublade.

Versorgung und Dienstleistung

Im Zentrum des Märkischen Viertels entstand ein Ladenkomplex, der von keiner Wohnung mehr als 900 Meter entfernt liegt. Die Vorbilder für diese Anlage kamen aus Skandinavien und den USA. Eine autofreie Gassenstruktur mit zahlreichen kleinteiligen Läden und ein großflächiges, damals topmodernes Selbstbedienungskaufhaus dienten mit vier Nachbarschaftszentren als Nahversorgungsnetz. Am Rande des Haupteinkaufzentrums entstand der Marktplatz, an dem heute das Schwimmbad und das Kulturzentrum liegen.

Arbeitsplätze und Mobilität

Die meisten Bewohnerinnen und Bewohner des Märkischen Viertels fahren zum Arbeiten in andere Stadtteile. Der seinerzeit von der Politik versprochene – jedoch nie realisierte – U-Bahnanschluss hätte die Mobilität deutlich erleichtert. Auch das Netzwerk der medizinischen Versorgung brauchte lange, um sich dem Bedarf anzupassen. Hier wird deutlich, dass Stadt nicht am Reißbrett entsteht, sondern sich in einem Prozess an den Bedarf und die Nachfrage anpassen muss.

Heute sorgen kleine Dienstleistungsunternehmen und wenige größere Arbeitgeber wie eine Tiefkühlpizza-Fabrik für Arbeitsplätze. Der demografische Wandel und eine wachsende soziale Durchmischung erfordern – wie überall – Anstrengungen, die Angebote vor Ort den Anforderungen der Menschen anzupassen. Wegen des hohen Anteils an älteren Mieterinnen und Mietern wird seit einigen Jahren der Ausbau eines altersgerechten Wohnumfelds verfolgt, das gerade im Bereich der Pflege neue Arbeitsplätze schafft.

Kleingewerbe und Nischen

Der von den Architekten zur Bauzeit in den 1960er-Jahren gewünschte kleinteilige Ausbau der Erdgeschosszonen durch Gewerbetreibende und Nischennutzer entsprechend ihren Bedürfnissen hatte damals keine Chance auf Verwirklichung. Die Realität des großflächigen Ladenzentrums mit vielfältigem Angebot stand dem ebenso entgegen wie die baulichen Gegebenheiten der Erdgeschosszonen, die gar nicht für eine solche Nutzung vorbereitet waren. Ob diese Idee heute, im Zeitalter von Freiberuflern, Heimarbeitern und Ein-Personen-Betrieben funktionieren würde? Die von der Straße zurückgesetzte Lage der Bauten zieht zumindest keine Laufkundschaft an.

Auf der Strecke ARBEIT finden Sie folgende Stationen:

Die Gemischte Stadt – ein Ideal / Erdgeschosszonen der Gebäude von O.M. Ungers

Industrie und Gewerbe

Das Märkische Zentrum

Kulturen

Die KULTUREN im Märkischen Viertel werden vor allem unter dem Aspekt des Zusammenkommens der Lebensstile beleuchtet. Aber auch einige der vielfältigen künstlerischen Arbeiten, die im Märkischen Viertel entstanden, sind zu sehen oder als Soundcollage zu hören.

LEBENSKULTUREN IM KONTRAST

Die künstlerischen Ambitionen der Gestalter und die Zusammensetzung der ersten Bewohnerschaft führten zu kulturellen Missverständnissen, die sich durch den anfänglichen Mangel an Begegnungsorten und fehlenden Kommunikationsstrukturen verschärften. Während die Architekten unter den Bedingungen des sozialen Wohnungsbaus engagiert nach wirtschaftlichen und ästhetischen Lösungen suchten, blieben die Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner erstmal außen vor. Aus den folgenden Diskursen zwischen Mieterschaft, Verwaltung, politisch Verantwortlichen und Architekten entwickelten sich aber trotz aller Schwierigkeiten in kurzer Zeit Nachbarschaftsstrukturen.

Zusammenkommen im Viertel

Auf dem Gebiet des Märkischen Viertel lebten bis Baubeginn Anfang der 1960er-Jahre 12.000 Menschen in einer informellen Siedlung. Unhaltbare hygienische Verhältnisse, ein hoher Grundwasserstand und Krankheiten erzwangen unverzügliches Handeln. Die Bewohnerinnen und Bewohner dieses Quartiers setzte man bevorzugt in die Neubauten um. Dazu kamen aus dem gesamten Stadtgebiet von West-Berlin eingewiesene Familien, von denen die Verwaltung viele unter Druck in die Großsiedlung abschob.

Der Querschnitt der ersten Bewohnerschaft entsprach in keiner Weise dem Berliner Durchschnitt. Es waren vor allem kinderreiche Familien, die auf staatliche Transferleistungen angewiesen waren. Die Herausforderungen, die sich beim Aufbau von neuen sozialen Netzwerken ergaben, wurden durch die Instrumentalisierung des Märkischen Viertels in der Auseinandersetzung um den West-Berliner Baufilz erschwert. Dass die Architektur in den Medien verrissen wurde, machte das Zusammenraufen nicht leichter. Denn wer will schon in einer Siedlung leben, die als Synonym für das Versagen der staatlichen Organe und der Architekten gilt?

Vorstadt und Hochhaus

Die Planungsverantwortlichen stellten der bestehenden Vorstadtkultur mit fast 1.000 Einfamilienhäusern an dieser Stelle ein Konzept massiver städtebaulicher Dichte und „brutaler Lyrik aus Beton“ (Düttmann) gegenüber. Der Umzug von der ebenerdigen Laube ins zehnte Geschoss eines Blocks erforderte erhebliche Anpassung. Glaubten die Architekten der ersten Bauten noch, mit ihren Innenhöfen ein neues Freiraumangebot für die ehemaligen Siedlerinnen und Siedler zu schaffen, so passten sich diese allerdings schnell an die Lebensbedingungen oben an. Die Innenhöfe wurden zu selten genutzten Zwischenräumen.

Mix der Kulturen

Die Familien aus den Notbehelfswohnungen fanden sich unvermittelt im Hochhaus mit Nachbarn wieder, die bis vorgestern noch mitten in Kreuzberg gewohnt hatten. Dieses Zusammentreffen erforderte neue soziale Verhaltensmuster, die erst geübt werden mussten.

Der Instrumentalisierung durch politische Splittergruppen der außerparlamentarischen Opposition, die unter der Bewohnerschaft Unterstützerinnen und Unterstützer für ihre Ideen suchte, und gleichzeitig diese als Opfer darstellte, widersetzte man sich dabei erfolgreich. Man erfand ganz einfach und pragmatisch Netzwerke, in denen Differenzen und Gemeinsamkeiten ausgelotet wurden.  Schon lange sind die Märker im Alltag angekommen und haben ihr Viertel zum Stadtquartier gemacht.

Auf der Strecke KULTUREN finden Sie folgende Stationen:

Das Apostel-Johannes-Gemeindezentrum

Die VIERTEL BOX

Die Jugendkunstschule Atrium

Der Kunst- und Skulpturenpark des Atriums

Das Gemeindezentrum am Seggeluchbecken

Das Spielhaus von Erich Reischke

Landschaft

Das Märkische Viertel kann man auch als „Gebirge“ sehen, als LANDSCHAFT mit vertikalen und horizontalen Verläufen. Die ursprünglichen Ideen und Planungen zur Freiraumgestaltung sind hier ebenso Thema wie der Bau der Berliner Mauer und die Entwicklung des Grüns zwischen den Gebäuden von der Bauzeit bis heute.

BETON UND GRÜN

Die Großform aus einem Guss ist das gestalterische Leitbild des Märkischen Viertels. Wie Gebirge entwickeln sich die Bauten entlang der städtebaulich vorgegebenen drei „Arme“. Dazwischen befinden sich Schulen, Sonderbauten wie das Fontane-Haus sowie Freizeitanlagen, Nutz-, Spiel- und Hofflächen. Den größten Teil der Außenanlagen gestaltete die Berliner SAL-Planungsgruppe, die mit einem übergreifenden Ansatz von den ökologischen Zusammenhängen über die Parkplatzgestaltung, das Leitsystem im öffentlichen Raum, die Freiraummöblierungen bis hin zu den Brücken eine Gesamtlösung realisieren konnte.

Einbettung in die Umgebung

Mit einer harten Siedlungskante begrenzte das Märkische Viertel im Norden die Stadt zum landschaftlich geprägten Lübars, dem letzten idyllischen Dorf im eingemauerten West-Berlin. Einen krassen Kontrast bildete die unmittelbar am nordöstlichen Rand gelegene Hausmüllkippe Lübars, für die 1972 eine Planung zur Großdeponie vorlag. Bürgerproteste verhinderten dies, und aus dem dreißig Meter hohen Müllberg wurde ein Freizeit- und Erholungspark, der heute weit über das Märkische Viertel hinaus Anziehungskraft besitzt. Am südöstlichen Rand verlief die Berliner Mauer und stellte das neue Quartier als Stadtinsel an die Grenze zwischen zwei politischen Systemen.

Wohnumfeld und Außenraumgestaltung

Die Entwässerungsgräben der ehemaligen Sumpflandschaft bildeten die Struktur für die Landschaftsgestaltung, die sich in zwei Zonen gliedert. Einerseits kamen zu den über 17.000 Wohneinheiten 15.000 PKW-Stellplätze, gut die Hälfte davon offen und ebenerdig. Zum anderen unterschieden sich die Außenräume der geschützten Wohnhöfe deutlich von der Straßenseite. „Kabinette“, Rampen, Plätze oder Spielflächen gliedern die Höfe in Nutzungszonen. Damit entstand ein Leitbild, dessen Ästhetik sich klar in der Funktionalität ausdrückt. 

Landschaftsaufbau und Pflege

Nach Fertigstellung der ersten Wohnbauten war von der Landschaftsgestaltung noch nichts zu sehen. Die radikale Konfrontation zwischen Architektur und Baustelle, mit behelfsmäßig eingerichteten Strukturen, vermittelte ein trostloses Bild. Inszenierte Fotos mit Kindern in der Mülltonne oder Autowracks in Sichtweite zu den neuen Wohnbauten prägte die Vorstellung der ersten Jahre in den Medien.

Ab den 1980er-Jahren entwickelte sich unter Mitarbeit der Bewohnerinnen und Bewohner eine Aufwertung der Landschaftsgestaltung. Strukturen, die sich als ungeeignet erwiesen, wurden durch Eingriffe angepasst und verändert. So verschwand ein Teil der Parkplätze unter begrünten Vorplätzen in Tiefgaragen. Erschließungsbrücken vor den Gebäuden brach man ab und machte die Eingangsbereiche nutzerfreundlicher. Die seinerzeit gepflanzten Bäume bilden nun eine eigenständige Struktur, die sich mit den Bauten zu der Stadtlandschaft verbindet, von der die Planer träumten. 

Neben der energetischen Sanierung durch die GESOBAU gab es in den letzten Jahren auch Änderungen im Außenraum: „Die im Rahmen des Stadtumbau West geförderten Projekte im Wohnumfeld, in den Grünanlagen und Einrichtungen der sozialen Infrastruktur dienen dazu, die Großsiedlung an die Anforderungen des demographischen Wandels anzupassen und die Wohn- und Lebensqualität im Viertel zu erhöhen. Das Verfahren wird durch intensive Öffentlichkeitsarbeit und lebendige Bürgerbeteiligung flankiert.“ Das Büro S·T·E·R·N erarbeitete in den Jahren 2008 und 2009 mit dem Integrierten Städtebaulichen Entwicklungskonzept (INSEK) die Grundlagen für den Mitteleinsatz und übernahm ab 2009 die Rolle des Stadtumbaubeauftragten im Auftrag des Bezirksamtes Reinickendorf.

Auf der Strecke LANDSCHAFT finden Sie folgende Station:

Die Mauer und ihre Folgen

Moderne

Die MODERNE ist die Klammer, die alle anderen Themen zusammenhält. Es geht ja nicht nur um Bauwerke, sondern um Ideen für eine andere, bessere Zukunft, die hier Gestalt fanden. Von der Euphorie der Anfangsjahre über die Stigmatisierung in den Medien bis zum zufriedenen Auskommen im Alltag war es ein langer Weg...

PLANUNG FÜR DIE ZUKUNFT

Die Sanierungspolitik des West-Berliner Senats unter dem Regierenden Bürgermeister Willy Brandt sah 1963 den Abbruch von 56.000 Altbauwohnungen und den Neubau von Ersatzwohnungen im großen Stil an anderer Stelle vor. Das Märkische Viertel repräsentierte in diesem Programm ein vorbildliches, modernes Quartier am Stadtrand.

Die nach dem Krieg entstandenen, hastig aufgebauten Siedlungen aus Zeilenbauten und Punkthochhäusern gerieten seinerzeit immer stärker in die Kritik. Deshalb suchten die Architekten Werner Düttmann, Georg Heinrichs und Hans Müller 1962 für das Märkische Viertel nach neuen Inspirationen. Die farbenfrohen Siedlungen von Bruno Taut und die räumlichen Strukturen von Hans Scharoun, der mit seinen polygonalen und asymmetrischen Gebäuden wie der Staatsbibliothek oder der Philharmonie viele junge Architekten beeinflusste, dienten ihnen als Vorbild. Maßgeblich für die Planung war der seinerzeit vorherrschende Leitgedanke „Urbanität durch Dichte“, mit dem sie eher eine kompakte Stadt als eine Siedlung entwerfen wollten. Auch der hohe Bedarf an Wohnraum nach dem Bau der Mauer beeinflusste das Vorhaben. Die Architekten planten große hofartige Baugruppen, die mit ihren Gebäuden stadtlandschaftliche Räume bilden.

 Architekten als Experimentierer

Von ihrer ambitionierten Gestaltung erhofften sich die verantwortlichen Planer ein städtisches Leitbild für den Stadtrand. Sie beauftragten für die Entwürfe zum Teil Architekten aus dem Umfeld von Hans Scharoun. Zum anderen Teil standen die Entwerfer in der Tradition des Bauhauses mit seinem geometrischen, rechtwinkligen Prinzip. Wegen der guten Erfahrungen bei Wohnbauexperimenten wie den Werkbundsiedlungen in den 1920er-Jahren oder dem Hansaviertel in den 1950er-Jahren und des internationalen Renommees dieser Projekte beauftragte man Kollegen aus der Schweiz, aus Frankreich und den USA.

Raumstrukturen für die Masse

Vom kommerziellen Zentrum am Wilhelmsruher Damm ausgehend, umschließen drei raumgreifende Siedlungsarme organisch mehrere Einfamilienhausgruppen. Die Quartiere entlang dieser Achsen sollten mit sechzehn Geschossen beginnen, sich im mittleren Drittel auf vier Geschosse absenken und am Ende wieder auf zwölf Geschosse ansteigen, um so eine dynamische und lebendige Linie zu bilden. Der wirtschaftliche Druck verlangte jedoch die Erhöhung der Dichte von 13.000 auf 17.000 Wohneinheiten. Die Bauten wuchsen in die Höhe, und die Staffelung verschwand zugunsten der maximalen Dichte.

Kritik und Fortentwicklung

Bereits vor Fertigstellung des Stadtteils erhob sich massive Kritik in den Medien, die das visionäre Projekt wegen politischer Fehlplanungen, Terminschwierigkeiten, baulicher Mängel, aber auch mit einer grundsätzlichen Haltung gegen gegen die Moderne schlechtschrieben. Vor allem die 1968 von Studierenden und jungen Architekten initiierte kritische Ausstellung „Diagnose zum Bauen in West-Berlin“ wirkte sich verheerend auf das Image aus. Auf einzelne Schlagworte reduzierte Bewohnerzitate griff die Presse dankbar auf und „erfand“ mit dem Synonym „wie im Märkischen Viertel“ einen negativ gemeinten Slogan, der bis heute in den Medien seine Runde macht. Diesen verstärkte der Rapper Sido mit seiner Ghetto-Ästhetik im Musikvideo „Mein Block“ 2004 noch einmal. In der Realität führten die Planungen und die späteren Anpassungen an die Bedürfnisse der Bewohnerschaft jedoch zu einem bis heute in seinen Qualitäten ungewöhnlichen Quartier.

Auf der Strecke MODERNE finden Sie folgende Stationen:

Die Kirche St. Martin

Die „Entenfüße“ 

Pop Art für das Märkische Viertel

Der „Lange Jammer“

Das Heizkraftwerk für das Märkische Viertel

Zuhause

Das Märkische Viertel bietet heute 36.000 Bewohnerinnen und Bewohnern ein ZUHAUSE, ursprünglich geplant war es für über 50.000 Menschen. Das Leben in einem Modellprojekt, die Entwürfe der Wohnungen und die Grundidee des „Gesamtkunstwerks“ sind bei diesem Thema die Schwerpunkte.

LEBEN IN EINEM MODELLPROJEKT

Die ersten Bewohnerinnen und Bewohner zogen vor 50 Jahren in eine neue, nicht fertige Stadt. Damit diese dann zum Zuhause wird, braucht es Zeit, in der sich Strukturen bilden und eine eigenständige Stadtteilkultur und Nachbarschaft entstehen können. Eine hohe Fluktuation in den ersten Jahren und der schnell entstandene schlechte Ruf des Viertels erschwerten die Anfänge. Doch auf Initiative der Bewohnerschaft entstanden Vereine und Treffpunkte, die Bindung wuchs mit den Strukturen, und mit den gemeinsamen Erlebnissen wurde die Umgebung zu Heimat. Dieser Anpassungsprozess zwischen Architektur, gesellschaftlichen Institutionen und kulturellem Ausdruck füllte den städtischen Raum mit Leben. Hier zeigen sich die Qualitäten eines Quartiers und ob, beziehungsweise wie es sich an die Herausforderungen des Alltags anpassen lässt.

Bauplanung und -umsetzung

16 ambitionierte Architekturbüros befassten sich mit dem Wohnungsbau. Im Unterschied zu vielen anderen Bauprojekten dieser Zeit arbeiteten hier junge Architekten, die zur damaligen Avantgarde gehörten und sonst keine Chance hatten, ihre Talente im Wohnungsbau zu zeigen. Jedes der Büros vertrat eigene architektonische Ideen, die sich mit der übergeordneten städtischen Vision, durch Dichte und bewusste Setzung der Nutzungsfunktionen neue Qualitäten entstehen zu lassen, verbanden.

Die gesetzlichen Vorgaben und die technische Umsetzung mit vorgefertigten Systemen produzierten jedoch erhebliche qualitative Mängel. In einem kontinuierlichen Prozess – von der ersten Mängelbeseitigung bis zur heutigen energetischen Ertüchtigung –  wurde der Baubestand im Folgenden immer wieder an den neuesten Stand der Technik angepasst. 

Vielfalt der Wohnungen

Die vielfältige Ausrichtung der Bauten und die unterschiedlichen architektonischen Konzeptionen bieten viele Wohnvarianten. Die Qualität der Grundrisse, die ein Spektrum von 1- bis 4 ½-Zimmerwohnungen umfasst, zeigt die ambitionierte Haltung hinter der Planung. In unregelmäßig geformten Bauten, wie bei Chen Kuen Lee, entstand eine Vielzahl von Grundrisslösungen, die sich mit ihren Haupträumen zur Sonne öffnen. Der Wille, unter den Bedingungen des sozialen Wohnungsbaus vorbildliche Wohnbedingungen zu schaffen, prägt das Märkische Viertel vom Kleinen bis zum Großen.

"Gesamtkunstwerk" Märkisches Viertel

Die Grundidee für den neuen Stadtteil findet ihre Entsprechung im Gesamtkunstwerk (total environment), das damals im internationalen Kunstdiskurs thematisiert wurde. Dabei sollte die gesamte Umwelt, von der Architektur über die Landschaft bis hin zum Design im öffentlichen Raum speziellen gestalterischen Vorgaben folgen, die zu einer „schönen“, weil gestalteten, Umwelt führen. Dieses Konzept ließ sich nur in Teilen umsetzten.

Doch die künstlerischen Ideen, die sich über Pop-Art-Werke – beispielsweise von Gert Engels – oder konzeptionellen Ansätzen von Künstlern wie Utz Kampmann und Joe Tilson manifestierten, lassen den Wunsch erkennen, die Kunst als Teil der Lebensumwelt zu verankern. Heute sind Kampmanns Farbkonzepte längst verschwunden, Tilsons Vorschläge blieben Papier, und der ursprüngliche Pop-Art-Charakter des Märkischen Viertel lässt sich nur noch punktuell erkennen.

Auf der Strecke ZUHAUSE finden Sie folgende Stationen:

Die Architektin Astra Zarina

Das Beettinchen

SPAZIERGÄNGE

3,2 km² LEBEN bedeutet: Es gibt sehr viele Wege und Möglichkeiten, das Märkische Viertel zu erkunden. Deshalb finden Sie auf dem Spaziergangangsplan drei Routen-Vorschläge. Auf allen Routen begegnen Ihnen Bilder, Zitate und Fakten aus 50 Jahren Märkisches Viertel.

Start ist die VIERTEL BOX auf dem Stadtplatz am Wilhelmsruher Damm gegenüber dem Märkischen Zentrum. Dort ist der Spaziergangsplan zum Mitnehmen kostenlos erhältlich, ebenso wie in der GESOBAU-Zentrale am Wilhelmsruher Damm 142 gleich gegenüber.

Von Juli bis Oktober können Interessierte jederzeit die Routen entlangspazieren oder mit dem Fahrrad erkunden. Den Routenplan können Sie sich auch hier zum Ausdruck herunterladen: MV-Routenplan

Zusätzlich bietet sich die Gelegenheit, das Viertel aus luftiger Höhe zu überblicken. An diesen Tagen ist die Dachterrasse vom Gemeinschaftsraum im 14. Stock des Seniorenwohnhauses für Besucherinnen und Besucher geöffnet:
Senftenberger Ring 12
montags 13 bis 15 Uhr
mittwochs 8 bis 12 Uhr
freitags 11 bis 14 Uhr

Die St. Martin-Kirche können Sie ebenfalls besuchen:
Wilhelmsruher Damm 144
sonntags 9 bis 14 Uhr
darin Gottesdienste 9.30 bis 10.30 Uhr und 11.15 bis 12.15 Uhr

Auch die Jugendkunstschule Atrium ist gern Gastgeber für interessierte Besucherinnen und Besucher:
Senftenberger Ring 97
montags bis freitags 9 bis 20 Uhr

Literaturcafé Kunst- und Skulpturenpark Atrium:
montags bis freitags von 14 bis 20 Uhr.

Ausstellung „Kurse & Ateliers des ATRIUM“, ATRIUM-Galerie:
18. September bis 14. November 2014,  Eröffnung 17. September um 17 Uhr

Soundwalk

Musik und Töne aus dem Märkischen Viertel
An 20 Punkten, die einen interessanten Blick bieten, können Sie fiktive Geschichten, Ausschnitte aus Reportagen, Zitate aus Interviews mit Planenden und Bewohnerinnen und Bewohnern, Musik und Alltagsgeräusche hören.Diese Hörstücke liegen über dem Märkischen Viertel wie der Soundtrack zu einem Film, den Sie sich mit dem Kopfhörer selbst erlaufen. Über eine mobile Website und gesteuert durch die GPS-Funktion Ihres Mobiltelefons können Sie auf diese Töne zugreifen, ohne eine App installieren zu müssen.

Sie können die Hörstücke auf einem Computer weit entfernt vom Märkischen Viertel aufrufen – verortet auf einer Karte.

Viel mehr Spaß macht es aber, wenn Sie diese Seite mit einem aktuellen Smartphone (Geräte mit GPS-Funktion und Datenverbindung, iPhone oder iPad ab iOS 6 oder Android ab Version 4.1) vor Ort aufrufen. Sie sehen einen kleinen Kompass, den Sie nach der Sonne ausrichten müssen. Alle Stationen in ihrer Nähe werden angezeigt. Dann brauchen Sie die Stationen nur noch aufzusuchen. Erforderlich ist die Freigabe ihrer Position im Webbrowser, empfehlenswert sind Kopfhörer, zumindest für ein Ohr.

Die Hörstücke können Sie ab dem 3. Juli hier finden.

Mitwirkende, Beitragende und Unterstützende

Viele Zeitzeuginnen und -zeugen, die Kinder der Planenden, Archive, Institutionen und Aktive aus dem Märkischen Viertel haben zu den Inhalten dieser Ausstellung beigetragen oder unterstützten die Nachforschungen. Vielen Dank an:

Abenteuerspielplatz Märkisches Viertel, Anette Niewöhner und Team / Architekturmuseum der TU Berlin, Dr. Hans-Dieter Nägelke / Ursula Bätz / Baukunstarchiv Akademie der Künste Berlin / Berlinische Galerie, Ursula Müller und Anna Heckmann / Bezirksamt Reinickendorf von Berlin / Biomasse-Heizkraftwerk Vattenfall / Gunnar Birkerts / GESOBAU-Sozialmanagement, Helene Böhm / Andreas Brandt / Henrik Brandt / comX / Ev. Apostel-Johannes-Kirchengemeinde / Ev. Kirche am Seggeluchbecken / Fil / Siegrid Gerigk / Marianne und Manfred Grabowsky / Anne Hagenbucher / Heimatmuseum Reinickendorf / Kath. Kirchengemeinde St. Martin, Martin Figur und Pfarrgemeinde / Kunststiftung Poll, Fabian Reifferscheidt / Tony Costa Heywood / Georg Heinrichs / Stephan Heise / Historisches Archiv Akademie der Künste Berlin / Jugendkunstschule Atrium, Claudia Güttner und Team / Horst Keller / Engelbert Kremser / Märkisches Zentrum / Katharina Merz / Ursula und Moritz Müller / Nachbarschaftsetage der GESOBAU / Nina Nedelykov / OSTKREUZSCHULE für Fotografie, Melina Johannsen, Kristin Moellering, Stephen Müller, Michael Sieber, Arne Wesenberg / NIAUSI Seattle, USA, Ann Herschi, James Corey, Herschel Parnes / Photoarchiv Fürst / Roger Loewig Gesellschaft, Helga Schmidt-Thomsen / saai | Südwestdeutsches Archiv für Architektur und Ingenieurbau / Karlsruher Institut für Technologie, Dr. Joachim Kleinmanns, Dr. Klaus Nippert / Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt Berlin / Felix Theissen / Marita Tepe / TU Berlin, Adrian von Buttlar / Ungersarchiv für Architekturwissenschaft / Unionhilfswerk, Ursula Illies und Team / VIERTEL BOX, Kerstin Gust / Uwe Wollmann / 2470 Media

Ausstellungsteam
sally below cultural affairs
Kuratorisches Konzept / Leitung: Sally Below
Projektleitung: Sarah Reiche
Team: Hjördis Hoffmann, Nadja Chawaf, Martin Kohler, Nicole Opel, Berrit Pöppelmeier

Wissenschaftliche Begleitung und Recherchen
Dr. Eduard Kögel

Texte
Dr. Eduard Kögel, Sally Below, Martin Kohler, Sarah Reiche, Hjördis Hoffmann

Bildredaktion
Hjördis Hoffmann, Nadja Chawaf

Gestaltung
Konzeption und Grafik: Hjördis Hoffmann, Nadja Chawaf
Grafik Spaziergangsplan: Daniel Janko / Sandra Grimm, v:odka leipzigSchriftsatz Plakate: Markus Schaefer, [take shape] media design

Beratung urbane Szenografie
chezweitz GmbH, Dr. Sonja Beeck und Detlef Weitz

Soundkonzept und -design
Martin Kohler, Jan Kaufmann, Stefan Funck

Lektorat
Ute Riechers, Sarah Reiche, Berrit Pöppelmeier

Kommunikation
Sarah Reiche

Website
Konzept, Gestaltung, Produktion: Realgestalt GmbH, Berlin (zuständig für das Coprorate Design des Märkischen Viertel)

Konzept MV-Labore und Symposium MODERNE
Martin Kohler, Sally Below

Planung und Durchführung MV-Labore
Sarah Reiche, Martin Kohler, Berrit Pöppelmeier

Kontakt
sally below cultural affairs
Tel. 0 30 / 69 53 70 80
maerkischesviertel[at]sbca.de
www.sbca.de